3

 

»Das ist das Aufregendste, was mir jemals passiert ist! Was meinst du, muss ich etwas sagen? Vielleicht einen Toast auf Braut und Bräutigam aussprechen?« Sally posierte vor dem Spiegel und zupfte am Ausschnitt eines pinkfarbenen Kleids herum. »Oh, Entschuldigung, ich belege den Spiegel mit Beschlag. Du willst dich ja sicher auch einmal anschauen.«

»Das ist nicht nötig«, erwiderte ich geistesabwesend und drehte ein Nichts aus Lamé und Leder in den Händen, das Magoth anscheinend für das angemessene Brautkleid hielt.

»Er macht wohl Witze. Damit kann man ja nicht mal einen Hamster bedecken, geschweige denn eine Frau.«

»Na ja, du bist schon ziemlich winzig«, sagte Sally und drehte sich um, damit sie auch ihre Rückseite im Spiegel bewundern konnte. »Meinst du, die Schleife hinten ist zu viel? Ich finde ja, sie gibt dem Kleid eine flotte Note, aber wenn du sie für den Anlass unangemessen findest, dann schneide ich sie ab.«

Ich schüttelte das Brautkleid in der Hoffnung, es würde sich auf magische Weise vergrößern, stellte jedoch seufzend fest, dass es blieb, was es war: Lederschnüre, an denen an strategischen Stellen Stofffetzchen befestigt waren. »Es spielt wirklich keine Rolle. Zum Glück habe ich Gabriel nicht gesagt, dass Magoth ihn bei der Trauung dabeihaben wollte. Mir ist es wirklich lieber, wenn er mich nicht darin sieht. Dieses Mal hat Magoth es echt übertrieben.«

»Ach, so schlimm ist es sicher gar nicht«, rief Sally mir nach, als ich ins Badezimmer flüchtete, um mir das Fähnchen anzulegen. »Ich finde, er hat einen außergewöhnlich guten Geschmack. Er liebt dieses Kleid hier!«

Ich brauchte nur eine Minute, um in das hautenge Outfit aus Lederstreifen, das Magoth für mich kreiert hatte, zu schlüpfen, aber dreimal so lange, bis ich es wagte, das Badezimmer zu verlassen. Auch ohne Spiegelbild wusste ich genau, dass ich aussah wie eine Kreuzung aus einer Bondage-Prinzessin und einer Stripperin. An den Füßen trug ich Stilettos, in denen ich mir vermutlich die Beine brechen würde. Im Schritt hing ein winziges Stückchen Stoff, aber ansonsten bestand das Kleid aus nichts als Lederstreifen. »Damit ist wohl die Frage geklärt, ob Magoth einen guten Geschmack besitzt.«

»Ich überlege gerade, ob ich zu diesem Kleid lieber einen trägerlosen Büstenhalter tragen sollte«, murmelte Sally. Sie zupfte erneut an ihrem Ausschnitt herum und beugte sich vor, um das Resultat besser im Spiegel begutachten zu können.

»Entschuldigung! Hast du etwas... Ach, du liebe Güte.«

»Sprich es besser nicht aus«, sagte ich zu ihr. Ich vermied es, an mir herunterzublicken. Ich wollte gar nicht wissen, ob meine Brust aus dem Lederriemen, der sie bedecken sollte, heraus gerutscht war.

»Du... das ist sehr... Ach, du liebe Güte.«

»Oh, oh.« Ich ergriff ein Stachelhalsband und betrachtete es mit geschürzten Lippen. Einen Moment lang überlegte ich, ob ich das Ganze nicht besser abblasen sollte, aber dann sah ich vor meinem geistigen Auge das Bild eines silberäugigen Drachen. Ich legte das Hundehalsband an und nickte Sally zu.

»In Ordnung, Ehrendämonin, dann wollen wir das mal hinter uns bringen.«

»Willst du nicht... äh... den Sitz deines Kleids noch einmal überprüfen?«, fragte sie und wies zum Spiegel. Ihr Gesichtsausdruck war eine unbeschreibliche Mischung aus Entsetzen und Erheiterung.

»Selbst wenn ich es könnte, würde ich es nicht«, erwiderte ich und bedachte den Spiegel mit einem finsteren Blick. »Magoth ist wirklich pervers.«

Sally sah mich an, als ich meinen Dolch in die Scheide an meinem Fußknöchel steckte. »Das kann man nur schwer abstreiten, wenn man deine Kleidung sieht, aber vielleicht wusste er nicht, wie es an dir aussehen würde?«

Ich öffnete die Tür, rückte den breiten Lederriemen über meinen Brüsten zurecht, sodass niemand meine Nippel sehen konnte, zupfte den winzigen Stofffetzen in meinem Schritt herunter und betete insgeheim, dass die Zeremonie nicht so lange dauerte. »Das habe ich nicht gemeint, obwohl das sicher auch zutrifft. Ich habe von dem Spiegel geredet.«

»Der Spiegel? Regst du dich immer noch darüber auf? Und weißt du, eigentlich bin ich keine Dämonin, deshalb ist ›Ehrendämonin‹ die falsche Bezeichnung. Ich würde lieber als ›Beraterin‹ bezeichnet werden, da ich dir meine Erfahrungen aus der Welt von Carrie Fay und Abbadon weitergebe.«

Es lag mir auf der Zunge, sie zu fragen, wo da der Unterschied war, aber ich verkniff mir die Bemerkung. »Magoth hat den riesigen Spiegel nur aus perverser Lust in mein Zimmer gestellt. Er tut immer so, als wüsste er nicht, dass ich kein Spiegelbild habe.«

Wir betraten eine große offene Halle mit hohen gotischen Deckenbögen. Es war kalt, wie überall in Magoths Reich, ausgenommen in meinem Zimmer. Ich bekam sofort Gänsehaut und hätte mich am liebsten in eine dicke Daunendecke gehüllt. »In welchem Raum soll die Zeremonie noch einmal stattfinden?«

Sally warf mir einen tadelnden Blick zu. »Ich erteile nur ungern ungebetene Ratschläge, aber unsere Freundschaft und die Tatsache, dass ich bald eine Kollegin deines Herrn sein werde, zwingen mich, diese Regel einmal zu durchbrechen. Du wirst Magoths Gemahlin und als solche anerkannt von allen Mitgliedern Abbadons. Deine Macht und deine Verantwortung werden dieser gehobenen Position entsprechen, und du solltest dir wenigstens die Mühe machen, ihm zuzuhören, wenn er mit dir spricht.«

»Das habe ich ein einziges Mal versucht. Danach hatte ich Migräne.« Ich kniff die Augen zusammen und überlegte. »In der Bibliothek?«

»In der Kapelle«, sagte sie kopfschüttelnd.

»Ja, klar. Er liebt diesen Raum. Dort hat er all seine alten Filme nachgespielt, weil die Akustik so gut ist. Er wird es auch dieses Mal bestimmt wieder übertreiben.«

Sally schwieg, aber ihre Missbilligung war deutlich zu spüren.

Wie alle übrigen Gebäude in Magoths Reich in Abbadon bestand auch die Kapelle - eigentlich eher im ursprünglichen Wortsinn ein Oratorium (ein Ort, an dem jemand spricht) als ein religiöser Raum - aus kalten, schwarzen Basaltmauern und einem Fußboden aus noch kälterem Marmor. Ich war noch nicht an anderen Orten in Abbadon gewesen, aber ich nahm an, dass die Kälte etwas mit Magoths persönlicher Vorliebe zu tun hatte. Es war ja wohl nicht die vorherrschende Temperatur an dem Ort, den viele Sterbliche als Hölle bezeichnen. Vor der Doppeltür, die zur Kapelle führte, holte ich tief Luft. Dann hob ich den Kopf und öffnete die Tür, wobei ich hoffte, dass keiner der anderen Dämonenfürsten der Zeremonie beiwohnen würde.

Der Raum war brechend voll.

»Agathos daimon«, murmelte ich, als ich die Menschenmenge sah.

»Mein Griechisch ist ein bisschen eingerostet, aber heißt das nicht ›frohgemut‹?«, fragte Sally und spähte über meine Schulter in die Kapelle. »Oh! Was für ein Glück! Es sieht so aus, als ob tatsächlich alle gekommen sind.«

»Glück ist nicht gerade das Wort, das ich in diesem Zusammenhang... oh. Allmächtiger!«

Ich hatte zwar gehofft, dass die Zeremonie so unauffällig wie möglich über die Bühne gehen würde, doch der Anblick der Menschenmenge erschreckte mich nicht wirklich. Schließlich, so dachte ich, spielte es doch keine Rolle, ob die Dämonenfürsten und ihre Diener zusahen, während ich - in einem Outfit, das geradewegs Magoths kranker sexueller Fantasie entsprungen war - offiziell einwilligte, seine Gattin zu werden. Wenn die Trauung vorüber war, würde ich in die sterbliche Welt zurückkehren, Magoth eine Lektion in gutem Benehmen erteilen und ihn zum Teufel jagen, bevor ich mich in Gabriels Arme warf. So dachte ich in meinem armen, leidgeprüften Hirn, als ich die Menge sah. Aber dann bemerkte ich auf einmal, wer auf der anderen Seite des Raums stand, und ich blieb wie angewurzelt stehen. Am liebsten hätte ich mich umgedreht und wäre in mein Zimmer gerannt. »Dieser Bastard!«

»Wie bitte?«

»Magoth. Er hat die Drachen eingeladen.«

Sally schürzte die Lippen. »Hat er nicht gesagt, er will, dass dein Drache dabei ist?«

»Ja, aber dann war er so glücklich darüber, endlich Zugang zur Welt der Sterblichen zu bekommen, dass er eingewilligt hat, die Drachen nicht zur Trauung einzuladen. Und sieh dir das an - da stehen nicht nur Gabriel und seine beiden Bodyguards; Drake ist mit seinen Männern hier, und diese Typen in Blau da müssen die blauen Drachen sein. Dieser Bastard hat mich angelogen!«

»Na ja, er ist eben ein Dämonenfürst. Oh, warte mal – ich muss dich mal eben mit diesem köstlichen Nebel besprühen. Es heißt Sunset Afterglow und funkelt wie tausend Diamanten. Das wird dir gefallen. So! Jetzt bist du perfekt! Zumindest so perfekt, wie es in unserer Macht steht.«

Lächelnd trat Sally einen Schritt zurück. Ich wedelte die Duftwolke weg und holte tief Luft. Bisher hatte uns noch niemand bemerkt, da der Raum so voll war. Die Drachen standen zusammen in der hintersten Ecke und beobachteten misstrauisch die anderen Gäste. Meine Freude darüber, Gabriel zu sehen, wurde von der Scham über mein Aussehen getrübt.

»Magoth übertreibt es einfach maßlos«, murmelte ich. »Es reicht ihm nicht, dass er durch mich jetzt Zugang zur Welt der Sterblichen hat; oh nein, er muss auch noch jeden Drachen, den er finden konnte, hier anschleppen, um diesem unseligen Ereignis beizuwohnen.«

»Carrie Fay sagt immer, nichts ist wirklich schrecklich, außer es zerstört dein Make-up«, sagte Sally mit leisem Tadel.

Ich klappte den Mund zu.

»Du musst zugeben, dass sie recht hat«, meinte Sally, als sie meinen ungläubigen Blick sah.

»Ja, sicher. Das verspricht einer der demütigendsten Momente meines Lebens zu werden, aber die Belohnung am Ende ist es tausendmal wert, deshalb bringen wir es am besten jetzt mal hinter uns, was?«

»Als ich noch Motivationstrainerin war, habe ich meinen Klienten immer gesagt, dass die richtige Einstellung alles ist«, riet Sally mir. »Wenn du glaubst, dass du Spaß haben wirst, hast du auch Spaß! Es sei denn, Magoth verlangt von dir, dass du dich dem Ritual des brennenden Fleisches unterziehst. In diesem Fall wirst du dich wahrscheinlich in unvorstellbaren Schmerzen am Boden wälzen, aber zumindest wäre das für die anderen recht unterhaltsam, also hätte es ja auch etwas Gutes.«

Die Dämonen, von denen die meisten in menschlicher Gestalt erschienen waren, weigerten sich, mir Platz zu machen, und ich musste mir meinen Weg mit dem Ellbogen und in einigen Fällen sogar mit dem Stachelhalsband freikämpfen. Fast alle waren größer als ich, und wir kamen nur langsam vorwärts, bis ich auf die clevere Idee kam, die größere Sally vor mir her zu schieben, damit sie mir einen Weg bahnen konnte.

»Meine Haare!«, kreischte sie, als ich sie auf Dämonen der untersten Stufe in dreckigen schwarzen Lederjacken zuschob.

»Mein Kleid!«

»Stell dir einfach vor, es wären Microsoft-Yuppies, denen du einen Motivationsvortrag hältst. Das wird sie schon in Schach halten.«

Der Blick, den sie mir zuwarf, bestätigte meinen Verdacht, dass sie gut in diese Versammlung hier hineinpassen würde, aber ich hatte keine Zeit, länger darüber nachzudenken, denn schon kurz darauf waren wir vor dem steinernen Podest angelangt, auf dem Magoth stand und sich mit einem kleinen, gewöhnlich aussehenden Mann unterhielt. Gabriel, Drake und die anderen Drachen standen direkt dahinter. Ich versuchte, Gabriel nicht anzuschauen, in der Hoffnung, seinen Gesichtsausdruck bei meinem Anblick nicht sehen zu müssen, aber es gelang mir nicht. Zuerst blitzte Freude in seinen silbernen Augen auf, aber sie wich rasch einem empörten Ausdruck, als ich auf Magoth zutrat. Kurz darauf wurde aus der Empörung blanke Wut, die aber zum Glück rasch verflog und nur noch an seinen tiefer werdenden Grübchen abzulesen war. Ich entspannte mich ein wenig und schenkte ihm ein kleines Lächeln, mit dem ich ihm zu verstehen geben wollte, dass ich es durchaus zu schätzen wüsste, wenn er die Situation mit Humor nähme.

»Da ist sie!« Magoth eilte auf mich zu. »Wie entzückend du in diesem Kleid doch aussiehst! Mylord Bael, ich möchte Euch meine Gefährtin vorstellen, die hinreißende und anbetungswürdige Doppelgängerin May. Sie ist seit ihrer Schöpfung an mich gebunden und hat mir bei meinen zahlreichen persönlichen Bedürfnissen zu meiner äußersten Zufriedenheit gedient.«

Ich überlegte kurz, ob ich Magoth sagen sollte, er solle nicht so übertreiben, da Gabriel ihn sowieso durchschaute, aber die Anwesenheit des obersten Fürsten von Abbadon ließ mich davon Abstand nehmen. Bael musterte mich von Kopf bis Fuß, als ich mich vor ihm verbeugte, aber im Gegensatz zu Magoth hatte sein Blick nichts Sexuelles. Macht umgab ihn wie eine sichtbare Aura, und in mir stieg Übelkeit auf, als ich spürte, wie er mir tief in die Seele blickte. Es war eine nervenaufreibende Erfahrung, aber die Tatsache, dass Gabriel da war, tröstete mich, und es gelang mir, seinen Blick standhaft zu erwidern.

Er entließ mich mit einer Geste, die deutlich zeigte, dass er absolut nicht beeindruckt war. »Die Zeremonie soll beginnen. Ich habe Wichtigeres zu tun, als dir bei deinen Prahlereien zuzusehen.«

Das gefiel Magoth nicht, aber als der niedrigste aller Dämonenfürsten hielt er den Mund. Er nickte nur, reichte mir die Hand und schritt mit mir um das Podest herum, wobei er Gabriel nicht aus den Augen ließ. »Dämonenfürsten, Mitglieder meiner Legionen und alle Untertanen, heute ist der Tag, an dem ich mir endlich eine Gemahlin nehme. Seht hier die süße, liebreizende May Northcott, Dienerin und Doppelgängerin, die ich nicht nur mit der Lust meines Körpers beglücke, sondern auch mit allen Rechten und Ehren ausstatte, die mir zustehen. Venisti remanebis donec denuo completus sis, decus et tutamen, dulce et utile.«

Ich nahm mich zusammen, um nicht das Gesicht zu verziehen.

Den lateinischen Satz hatte Magoth aus der Doktrin des Unendlichen Bewussten entnommen, und er bedeutete, frei übersetzt, in etwa: »Du sollst dort bleiben, woher du gekommen bist, bis du wieder vollständig bist, ein Ornament und Schutz, süß und nützlich.« Es war Magoths Art, mir die Stellung als seine Gemahlin einzuräumen, wobei er mich gleichzeitig daran erinnerte, dass diese Stellung nur dem Namen nach etwas bedeutete. Aber mir war das nur recht. Je weniger ich mit den Rechten und Ehren von Abbadon zu tun hatte, desto besser für mich.

Magoth blieb vor Bael stehen und wartete auf meine Antwort.

Ich wusste, was ich sagen musste - die Standardformel der Braut war ebenfalls auf Lateinisch, da die Gesellschaft in Abbadon den Traditionen verhaftet war - , aber ich brachte es nicht über mich, die Worte auszusprechen, die Magoth über alle anderen erheben würden.

»Duae tabulae rasae in quibus nihil scriptum est«, improvisierte ich.

Magoths Kinn sank leicht herab.

»Das habe ich im Studio gesehen, als du Filme gedreht hast«, flüsterte ich. Mein Blick huschte zu Gabriel. Seine Grübchen blitzten kurz auf, was mir sagte, dass er offensichtlich Lateinisch sprach.

»Zwei Köpfe und nicht ein einziger Gedanke« war in einem Stan-Laurel-Film vorgekommen, bei dessen Dreharbeiten ich vor Jahrzehnten zugeschaut hatte. Als Anerkennung meines neuen Status war es zwar nicht besonders höflich, aber ich fand, es passte gut auf die Situation

»Hic et nunc«, sagte Bael und besiegelte damit offiziell die Zeremonie. »Ich verlasse dich jetzt, damit du dich an deiner neuen Gemahlin erfreuen kannst.«

Magoth verbeugte sich tief vor Bael, als dieser sich in Luft auflöste. Dann wandte er sich mir zu, ein böses Leuchten in den Augen.

»Gott sei Dank, es ist vorbei«, sagte ich. Ich riss mich von ihm los, um zu Gabriel zu laufen.

»Ich stimme dir zu, es war eine öde Zeremonie, aber leider, muss man die Formalitäten einhalten. Aber schließlich hat es sich gelohnt, da ich jetzt Zugang zu deiner kostbaren sterblichen Welt habe. Ich nehme an, du möchtest gehen? Hervorragend. Ich auch.«

Bevor ich zurückweichen konnte, ergriff Magoth mein Handgelenk und zerrte mich durch den Stoff der Zeit mit sich, um zum ersten Mal seit fast neunzig Jahren wieder in die Welt zu gelangen.

»Nicht! Warte! Gabrieee...« Die Worte dehnten sich und wurden zum Schrei, als ich hinter ihm her gezerrt wurde. Ich sah nur noch, dass Gabriel auf mich zusprang. Ich schlug so fest auf das Pflaster auf, dass ich ein paar Sekunden lang keine Luft bekam. Mit schmerzenden Händen und Knien rappelte ich mich auf und warf Magoth einen bösen Blick zu. »Es wäre nett gewesen, wenn du mich vorgewarnt hättest. Was machst du denn hier?«

Magoth hatte die Hände in die Hüften gestemmt und den Kopf zurückgeworfen. Mit geschlossenen Augen sog er tief die Luft in sich hinein. »Kannst du es nicht riechen?«

Ich betrachtete den Mülleimer neben uns. Wir befanden uns in einer Gasse, dem Abfall nach zu urteilen, der auf dem Boden lag, vermutlich in Paris. »Ich müsste tot sein, um es nicht zu riechen. Wahrscheinlich streikt die Müllabfuhr mal wieder.«

»Nein, du dumme Gemahlin. Die Menschheit. Kannst du die Menschheit nicht riechen? All diese köstliche Angst, die Wut und der Hass um uns herum - oh, ich komme mir vor wie früher. Wie ich die Welt der Sterblichen vermisst habe! Nun, ich habe jetzt keine Zeit, mich mit dir zu unterhalten, ich habe zu tun. Adieu, liebe May.«

Magoth drehte sich um und ging die Gasse entlang auf eine belebte Straße zu.

»He, du gehst einfach so? Kriege ich nicht einmal ein Dankeschön dafür, dass ich eingewilligt habe, deine Gattin zu werden? Keine Erklärung, wo du hingehst?«

»Vermisst du mich bereits, Liebling?« Er stieß einen falschen Seufzer aus. »Ich würde dich ja gerne mit den Freuden bekannt machen, die nur ich dir schenken kann, aber leider muss das warten, bis ich dringendere Geschäfte erledigt habe.«

Ich humpelte zu ihm. Ich war ganz schön wütend, aber ich musste mich zusammennehmen. Magoth mochte in der sterblichen Welt zwar wenig Macht besitzen, aber ich konnte nicht riskieren, mich wieder mit ihm in Abbadon zu befinden, bevor es Gabriel und mir gelungen war, meine Bindung an ihn zu lösen.

Sorgfältig wählte ich meine Worte. »Du weißt sehr wohl, dass ich nicht an einer sexuellen Beziehung mit dir interessiert bin. Aber du warst fast ein Jahrhundert lang nicht mehr in der Welt der Sterblichen, und ich dachte, du würdest mich vielleicht ab und zu gerne einmal um Rat fragen, wenn dich etwas verwirrt.«

Der Blick, den er mir schenkte, wäre komisch gewesen, wenn er nicht zu Magoth gehört hätte. »Süße May, besonders subtil bist du nicht. Sag mir doch einfach, was du zu sagen hast.« Er hob die Hand, als ich protestieren wollte. »Lass es gut sein. Du willst mich doch nur im Auge behalten.«

Einen Moment lang presste ich die Lippen zusammen, dann antwortete ich: »Na gut. Aber es kann dich nicht überraschen, dass es mir Sorgen bereitet, wenn du in der Welt der Sterblichen herumrennst.«

Magoth zuckte mit den Schultern und schnipste einen Fussel von seinem Ärmel. »Dein Drache hat dich zweifellos darüber informiert, dass ich in der sterblichen Welt kaum noch Macht besitze. Du kannst ihm ruhig ausrichten, dass er recht hat... ich werde aber trotzdem in der Lage sein, seiner Überwachung zu entgehen.«

»Das kannst du gerne versuchen«, sagte ich und folgte ihm zur Straße. Er blickte sich um, rieb sich die Hände vor Freude, und seine schwarzen Augen tanzten geradezu vor Vergnügen.

»Magoth...«, sagte ich, aber bevor ich meinen Satz zu Ende sprechen konnte, merkte ich, wo wir waren. Ich fuhr herum und betrachtete erschrocken das große Gebäude aus hellem Stein hinter uns. »Allmächtiger - das ist ja Suffrage House.«

»Ja«, erwiderte er geistesabwesend. Er zog eine Designersonnenbrille aus der Tasche und setzte sie auf. »Mir gefiel die Ironie der Vorstellung, meine ersten Schritte in der Welt der Menschen am Hauptquartier der Anderwelt beginnen zu lassen. Siehst du das nicht auch so?« Erneut zuckte er mit den Schultern. »Adieu, meine Anbetungswürdige. Ich habe keinen Zweifel daran, dass wir uns Wiedersehen werden, aber bis dahin, denk an mich.«

Ein Taxi hielt am Bürgersteig, und ein Mann stieg aus. Ich achtete nicht auf ihn, als er den Fahrer bezahlte, aber gerade als ich Magoth die Meinung sagen wollte, blickte er in unsere Richtung und erstarrte.

Ich mag ja keinen Nobelpreis für meine Intelligenz bekommen, aber ganz blöd bin ich auch nicht. Mein erster Instinkt war, dass der Mann nur auf mein ungewöhnliches Outfit reagierte, aber dann wurde mir klar, dass sein Interesse mir galt und nicht dem Fetzen, den ich am Leib trug. Ich wandte mich zum Gehen, aber Magoth stellte sieh mir in den Weg, und ich verlor kostbare Sekunden.

»Hast du deine Meinung über den Dreier geändert?«, fragte er.

»Mei Ling!«

Ich rammte Magoth den Ellbogen in den Magen, um wegzukommen, aber bevor er sich empört darüber beschweren konnte, hatte sich der Mann schon auf mich gestürzt und mich zu Boden geworfen.

»Mei Ling! Du wagst es, dich hier zu zeigen? Dr. Kostich wird sich freuen, dich zu sehen. Wachen! Wachen! Ich habe die Diebin Mei Ling! Ich habe die Meisterdiebin gefangen!«, brüllte der Mann. Er riss mich hoch, drehte mir den Arm hinter den Rücken und schlang mir seinen Arm um den Hals.

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